Religion in einer nachsäkularen Gesellschaft
Die Mehrzahl der Religionsgemeinschaften hat universalen Charakter und ist nicht an die Grenzen der Europäischen Union gebunden.
Bildung und Erziehung als wesentliche Aufgabe der Gesellschaft stehen derzeit in der öffentlichen Auseinandersetzung. Angesichts der kirchlichen Mitverantwortung für Bildung und Erziehung in Schule und Gesellschaft nehme ich dazu Stellung.
1. Bildung heißt:
Nachhaltig lernen
Jeder Mensch hat Gaben und Begabungen. Sie zu fördern und zur Entfaltung zu bringen ist Aufgabe aller Bildung. Ziel aller Bildung ist die Menschwerdung des Menschen.
Daran knüpfen auch schulische und außerschulische Bildung sowie berufliche Ausbildung und Fortbildung an. Sie fördern und professionalisieren die Einzelnen und verorten sie in der Gesellschaft. Ein hoher Standard beruflicher Qualifikation, persönliche Erfüllung, gesellschaftlicher Wohlstand und eine lebensfähige Demokratie hängen davon ab.
Gleichzeitig muss Bildung mehr sein als berufsqualifizierende Ausbildung, Fort- und Weiterbildung, wenn der Mensch als Person nicht Schaden nehmen und die Gesellschaft nicht in ihrem zukunftsoffenen Entwicklungspotential beschnitten werden soll. Denn Menschen haben immer mehr Talente, Fragen und Bedürfnisse als die von der Gesellschaft und dem Arbeitsmarkt jeweils nachgefragten. Einige Reaktionen auf die internationalen Vergleichsstudien lassen befürchten, dass unter einseitiger Betonung der Qualitätssteigerung Gesichtspunkte einer ganzheitlichen Erziehung zurückgestellt oder sogar diskriminiert werden.
Nur eine Bildung, die Menschen mit ihren Gaben und Begabungen umfassend fördert, wird ihnen als Personen gerecht und erhält zugleich der Gesellschaft die Zukunftsfähigkeit. Das gilt in ganz besonderer Weise für gesellschaftlich Benachteiligte, die offensichtlich gerade im jetzigen Bildungswesen bei weitem zu wenig gefördert werden.
2. Bildung heißt:
Die eigenen geschichtlichen Wurzeln kennen Begabungen und Grenzen, Freiheit und Schuld, Liebe und Tod: Die großen menschlichen Erfahrungen und Leidenschaften haben ihren Niederschlag gefunden in der Literatur, Kunst, Philosophie und Religion der verschiedenen Kulturen.Wer in diesen großen Dingen nicht sprachlos bleiben will, muss die tragenden Erzählungen, Mythen, Bilder seiner geschichtlichen Herkunft kennen.
Bildung hat die Aufgabe, den Menschen zu helfen , ihre Sprachlosigkeit in den wesentlichen Fragen zu überwinden, indem sie sie mit ihren geschichtlichen und kulturellen Wurzeln vertraut macht. Nur in Verbindung mit Ihren Wurzeln können Menschen wachsen und mutig in die Zukunft schreiten. 3. Bildung heißt:
Entdecken, was in mir ist, und mit den eigenen Grenzen leben lernen.
Zur Bildung gehört die Selbstbildung des Menschen. Sie umfasst die Einsicht in seine Endlichkeit. Grenzen erfährt er auf vielfältige Weise, nicht zuletzt durch Krankheit und Tod.Bildung darf deshalb nicht unkritisch das Menschenbild der Konsumwerbung oder eines naiven Wissenschaftsoptimismus übernehmen, die den Menschen eine unbegrenzte Jugendlichkeit und Machbarkeit vorgaukeln.Die Menschlichkeit des Menschen erfordert es, dass er sich seinen Grenzen stellt. Dadurch wird er nicht nur vor Selbstüberschätzung bewahrt, sondern auch zu Anteilnahme und Mitgefühl (Empathie) gegenüber seinen Mitmenschen befähigt.
4. Bildung heißt:
Den Umgang mit Pluralität einüben und Fremdenfeindlichkeit überwinden.
Der soziale Zusammenhalt und der soziale Friede sind ganz entscheidend von der Bildungsbeteiligung aller Gruppen und Schichten abhängig. Bildung muss Menschen befähigen, sich zu orientieren und einen eigenen Standpunkt zu finden. Zugleich muss sie Menschen aber auch in den Stand versetzen, ihren Standpunkt anderen verständlich zu machen und sich mit anderen politischen, kulturellen, weltanschaulichen und religiösen Werthaltungen auseinander zu setzen. Wer keine Chance hat, sich seiner selbst zu vergewissern und seine eigene Sicht sprachlich angemessen darzustellen, ist in der Gefahr, zu Mitteln der Gewalt zu greifen, um sich zu verteidigen. Aktive Toleranz, die für jede pluralistische Gesellschaft unabdingbar ist, ist nur möglich, wo beides gelingt: Orientierung für den Einzelnen ebenso wie die Förderung einer Kultur der Wertschätzung und Anerkennung von Fremdem.
5. Bildung heißt:
Lebendigen Religionen begegnen.
In einer nachsäkularen Situation braucht die Schule einen Ort, an dem explizit in die Fragestellungen von Religion und Glaube als Orientierungswissen eingeführt wird. Es geht um eine Einführung in den Umgang mit den verschiedenen Ausdrucksformen von Religion. Dabei ist es unumgänglich, sich mit Religionen im Plural auseinander zu setzen.
Weil es im Religionsunterricht um persönliche Orientierung und Identitätsfindung geht, kann er nur von Personen unterrichtet werden, die Religion auf Grund eigener Erfahrung darstellen können. Das ist ohne lebendigen Bezug zu einer Religionsgemeinschaft nicht möglich. Insofern hat Religionsunterricht notwendig konfessionellen Charakter.
Aus diesem Grund hat der konfessionelle Religionsunterricht eine tragfähige Begründung. Dies schließt verschiedene Formen konfessioneller Kooperation ausdrücklich ein. Religionsunterricht ist deshalb im Spannungsfeld von Bekenntnis und Dialog zu verorten.
6. Bildung heißt:
Die unaufhebbare Würde jedes einzelnen Menschen als Ursprung und Ziel jedes erzieherischen Handelns achten.
Jede verantwortliche Pädagogik hat ihre Grundlage in der Achtung der Würde aller Menschen.Ihre tiefste anthropologische Dimension hat Menschenwürde nach christlicher Überzeugung in der Beziehung des Menschen zu Gott als Gottes Ebenbild. Diese Überzeugung und ihre Konsequenzen können auch von denen verstanden werden, die sich für "religiös unmusikalisch" halten.Aus dieser Überzeugung folgt, dass kein Mensch instrumentalisiert, d.h. als Mittel für vorgegebene Zwecke missbraucht werden darf. Deshalb darf kein Mensch auf bestimmte Rollen, z.B. als Produzent und Konsument, reduziert werden. Umgekehrt darf er andere Menschen nicht als Mittel für seine Zwecke benutzen.
Positiv folgt aus dieser Überzeugung, dass Menschen sich trotz verschiedener Werthaltungen verständigen können und sollen. Denn in der Beziehung des Menschen auf den lebendigen Gott werden alle kulturellen, weltanschaulichen und religiösen Standpunkte umgriffen und überstiegen.
7. Bildung heißt: Am Leben der Gesellschaft teilhaben und das Leben verantwortlich mit gestalten können.
Der Mensch ist ein gesellschaftliches, ein politisch handelndes Wesen. Er will an gesellschaftlichen Prozessen teilhaben und die zukünftigen Entwicklungen mitgestalten. Offene Gesellschaften sind durch eine Pluralität von Einstellungen und Haltungen geprägt. Bildung ist auf Lebensbewältigung im ganzen zu beziehen. Menschen müssen sich als Bürgerinnen und Bürger politisch beteiligen, ihre eigene Lebensform finden, sich selbst entfalten und ausdrücken können, sich als Laien in der durch Wissenschaft und Experten bestimmten Welt orientieren und sie lebenspraktisch bewältigen können.
8. Schulentwicklung braucht ein umfassendes Verständnis von Bildung.
Folgt man diesen Grundsätzen eines weiten Bildungsverständnisses für die Schule, dann kann es keine einzelnen Fächer geben, die sich diesem Gesamtkonzept entziehen. Dies hat weitreichende Konsequenzen für die Ausgestaltung der Bildungspläne, der einzelnen Fächer wie auch für ihre Umsetzung in der konkreten Schule und im Unterricht jeder Klasse.Soll ein Schulkonzept in dieser Weise verantwortlich umgesetzt werden, bedarf es dazu einer Intensivierung der interdisziplinären, überfachlichen und fächerverbindenden Kooperation zwischen den Lehrenden, den Lernenden und ihrem Umfeld.Die Formulierung von Leitbildern, Standards, Kriterien für Qualität und Evaluation müssen daraufhin befragt werden, wie weit sie einem weiten Bildungsverständnis verpflichtet sind und ihm Raum geben, wie sich ihre Einhaltung und Überprüfung so sichern lässt, dass Nichtplanbares und Unverfügbares Raum behalten und nicht marginalisiert werden.